In der Woche vom 3. auf den 10. Mai entsandte das SGS mit Frau von Mörs, Frau Haffner-Liedtke und Herrn Jahn eine kleine Gruppe lernwilliger Lehrkräfte in den europäischen Norden, um dort als Teil einer kleinen Gemeinschaft europäischer Lehrerinnen und Lehrer die Schulsysteme von Finnland und Estland kennenzulernen und sich international auszutauschen. Hierbei fanden sich zunächst in Helsinki Kolleginnen und Kollegen aus Deutschland, Frankreich, La Réunion, Spanien, Griechenland und der Slowakei zusammen und kamen über ihre Erfahrungen mit den Schulsystemen ihrer Heimatländer ins Gespräch.
Neben diesem Begegnungslernen wurde der Erasmus-Austausch sowohl von landeskundlichen als auch von fachlich-pädagogischen Fortbildungselementen ergänzt. Betreut wurde der gesamte Austausch - von der Vorbereitung bis zum letzten Tag - von dem wahlfinnischen Lehrer mit belgischen Wurzeln Arne Verhaegen, der es sich nicht nehmen ließ, unter dem Motto „Finnish Lessons - less is more“ eine ausführliche Einführung in die Grundideen finnischer Bildung zu geben. Der Kerngedanke finnischer Pädagogik besteht darin, den Lernenden größtmögliche Freiheit innerhalb ihres Lernprozesses einzuräumen und sie in ihren individuellen Lernfortschritten menschenzugewandt zu begleiten. Dabei liegt der Fokus des finnischen Bildungssystems nicht auf der Ausbildung einer umfangreichen Leistungsspitze, sondern darauf, möglichst wenige Schülerinnen und Schüler ohne spürbaren Bildungserfolg in die Zukunft zu entlassen. Die Vermittlung grundlegender Alltagskompetenzen (z.B. handwerkliche und hauswirtschaftliche Arbeiten) im Bildungsplan erhält hierbei strikten Vorrang vor einer Vielzahl diagnostischer Testverfahren. Abgerundet wurde das finnische Seminarangebot durch Expertenworkshops zur pädagogischen Personalführung und zur positiven Pädagogik. Beeindruckend erscheint über diese Erkenntnisse hinaus der Stellenwert, den die finnische Gesellschaft dem Lehrerberuf entgegenbringt, was sich nicht zuletzt in der sorgfältigen und umfangreichen Ausbildungszeit niederschlägt.
In Kleingruppen konnten die Seminarteilnehmenden verschiedene Schulformen besuchen, um dort die Umsetzung dieser Grundgedanken finnischer Bildungsvorstellungen zu beobachten. Hierbei zeigte sich, dass sich die saarländische Schullandschaft mit Blick auf die räumliche Ausstattung und Unterrichtsentwicklung nicht übermäßig von der finnischen unterscheidet. Am deutlichsten traten Unterschiede in der offenen Unterrichtsumgebung (z.B. Klassenräume ohne Stühle und Bänke, Lerninseln, ausziehbare Schulmöbel) sowie im pädagogischen Nähe-Distanz- Verhältnis (z.B. durchgängiges Duzen der Lehrkräfte, Möglichkeit zur körperlichen Fixierung von Lernenden mit aggressiven Tendenzen) zutage. Um einen reibungslosen pädagogischen Ablauf des Schultages sowie eine angemessene Wahrnehmung der Aufsichtspflicht zu gewährleisten, sind finnische Schulen durchweg mit Überwachungskameras in nahezu allen Räumen und Korridoren ausgestattet. Für Lehrkräfte, die das SGS als Ganztagsschule erleben, war es besonders erstaunlich, dass ab der dritten Klasse der Grundschule kein nachmittägliches Betreuungsangebot besteht. Dies wird mit der Eigenverantwortung der Schülerinnen und Schüler und ihrer Fähigkeit, sich im häuslichen Umfeld auch ohne Aufsicht berufstätiger Eltern eigenständig zu beschäftigen, begründet.
Die landeskundlichen Lernangebote zeigten deutlich, dass die finnische Bildungsidee gesellschaftlich gestützt wird. Besonders eindrücklich konnte dies bei einem Besuch der modernen Bibliothek in Helsinki erkannt werden, die nicht nur allen Altersgruppen offen steht, sondern weit mehr als Bücher zu bieten hat. Neben einem als Tanzfläche nutzbaren Vorplatz und einer Eingangshalle mit Café und ausladendem Schachbereich, beeindruckte vor allem ein komplettes Stockwerk, das diverse Handwerks- und Heimarbeiten sowie Freizeitbeschäftigungen aller Art ermöglicht (z.B. Laubsäge- und Näharbeit, Gaming-Räume, 3D-Drucker, Küchenzeilen und professionelle Tonstudios mit ausleihbaren Instrumenten). Direkt gegenüber dieser Bibliothek befindet sich das gläserne Pressezentrum der Stadt, das mit seinen Baumaterialien wie ein Symbol der finnischen Transparenz und Offenheit gegenüber pluralen Lebensentwürfen und Weltdeutungen wirkt.
Während der Großteil der europäischen Kolleginnen und Kollegen nur das finnische Programm besuchen durften, setzten Frau Haffner-Liedtke und Herr Jahn mit einer kleinen Gruppe von Kolleginnen aus Griechenland und der Slowakei nach Tallinn über, um auch dort Einblicke in das Schulsystem Estlands zu gewinnen. Rund um die Veranstaltungen zum Europatag besuchte die Gruppe zwei sehr verschiedene estnische Schulen. Während die erste im sehr wohlhabenden Einzugsgebiet der Tallinner Altstadt lag, befand sich die zweite in einem russischsprachigen Viertel außerhalb des Stadtkerns. Die School No. 21 im Zentrum von Tallinn kann auf die gut gefüllte Kasse des Schulfördervereins zurückgreifen und so eine herausragende technische, räumliche
und pädagogische Ausstattung bieten. Strebt man den Vergleich mit der deutschen Schullandschaft an, so erinnerte diese Schule eher an ein Privatinternat. Das Ehte Gymnasium hingegen erschien in seiner Ausstattung, den zur Verfügung stehenden Mitteln sowie den pädagogischen Herausforderungen einem öffentlichen deutschen Gymnasium nicht unähnlich. Herausgestochen ist hier am deutlichsten die Hochwertigkeit des Mobiliars, insbesondere außerhalb der Klassenräume auf den Korridoren, wo den Lernenden Rückzugsmöglichkeiten und Räume zur freien Nutzung geboten werden. Auch in Estland wurde die Aufsichtspflicht des pädagogischen Personals durch die Installation von Überwachungskameras ergänzt.
Während in Estland die Schulen unterschiedlich ausgestattet sind und daher eine Schulwahl stattfinden kann, setzt Finnland darauf, dass alle Schulen ähnlich ausgestattet sind und somit alle Schülerinnen und Schüler in ihrer direkten Wohnumgebung zur Schule gehen können. Somit bleibt die Erkenntnis, dass die finanziellen Ressourcen der Eltern in Finnland keine primäre Rolle für den Bildungserfolg spielen, während sie in Estland umso zentraler sein können.
Die Ausgangsfrage, ob weniger tatsächlich mehr ist, lässt sich also für Helsinki eindeutig mit „Ja“, für Estland eher mit „Vielleicht“ beantworten.






















